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Das Abkommen mit Indien muss Sprungbrett für eine echte Freihandelszone sein

Volkswirtin und Agrarökonomin Stephanie Kröger ist seit zehn Jahren bei Der Agrarhandel, aktuell als Referentin für Außenhandel und internationaler Markt. Beim Deutschen Verband des Großhandels mit Ölen, Fetten und Ölrohstoffen ist sie Geschäftsführerin.

Vorerst werden dem europäischen Agrar- und Ernährungssektor zukunftsträchtige Absatzmöglichkeiten in Indien entgehen – trotz des neuen Handelsvertrags. Perspektivisch dürften Bevölkerungszuwachs, Urbanisierung und eine expandierende Mittelschicht im Partnerland dafür sorgen, dass die Nachfrage nach ausgeklammerten Erzeugnissen aber deutlich steigt, schreibt Stephanie Kröger, Außenhandelsreferentin beim Verband Der Agrarhandel. Sie fordert einen stufenweisen Ausbau der Handelsbedingungen.

von Stephanie Kröger, Bundesverband Agrarhandel und Verein der Getreidehändler der Hamburger Börse e.V.

Das Freihandelsabkommen EU-Indien ist aus Sicht des Agrarhandels ein ambivalentes, aber strategisch kluges Arrangement: Es ist geopolitisch nachvollziehbar und ein wichtiger erster Schritt, der Europas Position stärkt. Gleichzeitig bleibt das Abkommen handelspolitisch jedoch mit einer klaren inhaltlichen Lücke versehen. Es ist sicher kein Endzustand, sondern muss ein Auftakt für weitere Verhandlungen sein.

Eine EU-Indien-Freihandelszone würde tatsächlich die größte der Welt schaffen, deutlich größer als etwa Mercosur. Damit ließe sich Europas multipolare Position festigen, da Abhängigkeiten von China und Russland reduziert würden. Das dient dem deutschen Agrarhandel indirekt durch stabilere Investitionen, Logistik und Rahmenbedingungen, die letztlich auch agrarische Wertschöpfungsketten stärken.

„Parking“ zulasten hochwertiger Verarbeitungsprodukte und Spezialfutter

Gleichzeitig war die bewusste Ausklammerung sensibler Agrarbereiche wie Milch, Zucker oder Teile der Tierprodukte sicher der unvermeidbare Preis für einen Abschluss: In Indien schützen Millionen Kleinbauern ihre Existenzgrundlage, in der EU verlaufen aktuell viele Konfliktlinien durch die Agrarpolitik. Dieses pragmatische „Parking“ ermöglicht einen Deal, der sonst gescheitert wäre.

Rein ökonomisch entgeht der europäischen und deutschen Landwirtschaft zunächst der Marktzugang für spezifische Produkte wie hochwertige Verarbeitungsprodukte, Spezialfutter oder Nischenangebote, die im wachsenden indischen Markt Potenzial hätten.

Allerdings wäre ein voll liberalisierter Agrarhandel mit Indien kurzfristig hochgradig konfliktträchtig gewesen: massive Preis- und Standardgefälle, unterschiedliche Förderregime sowie extrem heterogene Produktionsstrukturen hätten auf beiden Seiten enorme Anpassungslasten und Herausforderungen in den Lieferketten erzeugt.

Wachstumspartner in langfristiger Perspektive

Für den deutschen Agrarhandel ist Indien zudem kein unmittelbarer Volumenmarkt wie EU-27, Mittelmeerraum oder Mercosur, sondern ein mittel- bis langfristig perspektivischer Wachstumspartner in ausgewählten Segmenten. Eine Chance wird also nicht dauerhaft verbaut, sondern lediglich verschoben.

Entgeht der Landwirtschaft also eine Chance? Ja, teilweise – ist der Handel ohnehin wenig attraktiv? Nein, aber unserer Meinung derzeit zu komplex für eine schnelle Öffnung. Aus Sicht unseres Verbandes, Der Agrarhandel, sind die Vorteile des Übereinkommens dreierlei:

Verbesserte Rahmenbedingungen: Auch ohne Agrar öffnet es Türen bei Logistik, Dienstleistungen, Zertifizierungen, digitalem Handel und Investitionen. Dies sind alles Faktoren, die die Planbarkeit komplexer Lieferketten mit Indien erleichtern.

Regulatorische Kohärenz: Gemeinsame Standards zu Nachhaltigkeit, Zoll- und Ursprungsregeln sowie SPS-Anforderungen schaffen mehr Vorhersagbarkeit, was für den Handel essenziell ist.

Optionen für die Zukunft: Ein politisch tragfähiges Grundabkommen lässt sich leichter um Agrar-Kapitel ergänzen oder schrittweise für gezielte Produkte öffnen, als bei einem gescheiterten „Alles-oder-Nichts“-Versuch von Null anzufangen.

Entscheidend bleibt: Die EU bindet Indien enger in eine diversifizierte Handelsarchitektur ein, neben Mercosur, Nordamerika und ASEAN.

Chance für Lebensmittel, Futtermittel und Spezialrohstoffe

Mit Blick auf die Rahmenbedingungen darf man dennoch nicht vergessen, dass Indien kein „einfacher“ Exportmarkt ist. Hohe Zölle, komplexe SPS-Regeln und starke Protektion des heimischen Agrarsektors bleiben bestehen und machen schnelle Volumenströme unwahrscheinlich.

Mittel- bis langfristig wächst die Relevanz jedoch enorm durch Bevölkerungszuwachs, Urbanisierung, eine expandierende Mittelschicht und steigende Nachfrage nach verarbeiteten Lebensmitteln, Futtermitteln sowie Spezialrohstoffen, sowohl als Absatz- als auch Beschaffungsmarkt.

Gerade hier kann der deutsche Agrarhandel unserer Meinung nach mit Qualität, Verlässlichkeit und Nachhaltigkeitsstandards punkten, sobald die regulatorischen Hürden sinken. Wir begrüßen das Abkommen daher als geopolitischen Baustein und pragmatischen Fortschritt – es ist allemal besser als gar kein Deal.

Es braucht aber unbedingt einen klaren Erwartungshorizont: einen stufenweisen Ausbau hin zu fairen, berechenbaren und nachhaltigen Agrarhandelsbedingungen mit Indien. Dieses Abkommen darf nicht der Endpunkt sein, sondern muss als Sprungbrett für eine echte Freihandelszone dienen.

Stephanie Kröger ist Volkswirtin und Agrarökonomin und arbeitet seit zehn Jahren bei Der Agrarhandel, aktuell als Referentin für Außenhandel und internationaler Markt. Beim Deutschen Verband des Großhandels mit Ölen, Fetten und Ölrohstoffen (Grofor) ist sie Geschäftsführerin.

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